GRAZ BLEIBT GRAU!

Die fensterlosen Betonfassaden in der Grazer Hilmteichstraße werden grau bleiben. Eine wahre Geschichte darüber, wie gute Ideen an ‚urösterreichischer Wurschtigkeit‘ scheitern können – selbst wenn es nicht an Konsens hapert. 

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Grau, Grau, Grau ist alles was wir haben… Und hier ist warum.

Normalerweise schreibe ich in diesem Blog ja über Suchmaschinenoptimierung. Heute geht es aber um ein ganz anderes Thema: Kunst im öffentlichen Raum. Genauer gesagt, geht es um ein ‚Herzensprojekt‘ von mir, dessen Ziel es war, graue Wände in meiner alten Heimatstadt Graz bunt werden zu lassen. Und zwar nicht mittels nächtlicher Spray-Aktionen, sondern durch Überzeugungskraft, Dialog und Kooperation. Kurz gesagt mit dem, was man als Medienberater eben so macht. Doch das Projekt ist gescheitert. Woran? An der ‚urösterreichischen Wurschtigkeit‘ von einigen wenigen Entscheidungsträger*innen, sowie an der gewissermaßen bereits stark angeschlagenen „Corporate Identity“ einer Krankenhausgesellschaft. Was genau passiert ist, habe ich mir im Folgenden von der Seele geschrieben.

Warum BUNT mehr kann als GRAU

Zuerst mal der Reihe nach: Warum bin ich eigentlich so fest davon überzeugt, dass „bunte Wände“ – also mit großflächigen Murals besprühte Flächen im öffentlichen Raum – so viel besser sind als graue Wände? Urbane Kunst verbindet Menschen. Sie regt zum Nachdenken und zum Dialog an. Sie schafft Ausdrucksraum für Künstler*innen. Sie ist für alle frei und kostenlos zugänglich. Grauen Wänden ist sie ästhetisch überlegen. Zudem machen urbane Mural-Galerien die Nachbarschaften, in denen sie entstehen, nicht nur belebter, sondern auch sicherer. Von den positiven Effekten, die entstehen, wenn man niederschwelligen, öffentlichen Kunstraum schafft, konnte ich mich als Journalist und auf meinen Reisen immer wieder selbst überzeugen. Beispiele finden sich hier, hier und hier.

Urbane Kunst verbindet Menschen. Sie regt zum Nachdenken und zum Dialog an. Sie schafft Ausdrucksraum für Künstler*innen. Sie ist für alle frei und kostenlos zugänglich.

Mein Projekt in Graz begann damit, dass ich 2018 nach einem längeren Aufenthalt in Kolumbien in meine damalige Heimatstadt zurückkehrte und schon beim ersten Spaziergang eine architektonische Neuerung wahrnahm. An einer belebten Stelle in der Nähe des Leonhardplatzes gab es auf einmal fünf riesige, graue, fensterlose Betonfassaden zu bestaunen:

Graue Aussichten
Seit dem Jahr 2018 prägen diese grauen Wände das Stadtbild in der Hilmteichstraße

In verschiedenen kolumbianischen Städten wie Bogotá und Medellín hatte ich Gelegenheit, dutzende Mural-Galerien zu besuchen, die mit teils überwältigenden Motiven begeistern. Ich konnte mich auch immer wieder mit den Erschaffer*innen solcher Kunstwerke austauschen. Für die Künstler*innen gilt: je mehr Platz man für ein Motiv zur Verfügung hat, desto besser. Als ich zum ersten Mal vor den gigantischen Betonwänden in der Hilmteichstraße stand, sah ich also gewissermaßen gar nicht das, was da war, sondern das, was sein könnte: eine Galerie mit fünf beeindruckenden Murals, die Passant*innen ins Staunen versetzen würden. Vom ersten Moment an war ich von der Idee ergriffen, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen und einen Weg zu finden, eine künstlerische Nutzung für die Wände zu ermöglichen.

Ich blieb nicht lange untätig und begann – ganz der Medienberater – die potenziellen Stakeholder für ein solches Projekt zu evaluieren, zu kontaktieren, und von meiner Idee zu überzeugen. Immerhin hatte ich eine ganze Reihe guter Argumente auf Lager, warum die Wände eben besser nicht grau bleiben sollten. So ist eine Mural-Galerie zum Beispiel nicht nur aus Sicht der Stadtentwicklung interessant, sondern auch für den Tourismus. Ich begann, zu allerlei Menschen in Graz, die sich für so ein Projekt interessieren könnten, Kontakt aufzunehmen und meine Strategie für die nächsten Schritte sorgfältig zurecht zu legen.

Es war überraschend, auf wie viel Begeisterung die Idee zu stoßen schien – quer durch verschiedene Institutionen und politische Lager. Manche meiner Kontakte begannen im Hintergrund bereits, fantastische Pläne zu schmieden: für eine stadtweite Graffiti-Galerie mit dutzenden Stationen; für ein regionales oder internationales Urban Art Festival; für Übungswände für neue Künstler*innen; und, und, und…

Für mich persönlich war es ehrlich gesagt Nebensache, wer genau die Wände mit welchen Motiven bemalen wird. Ob man hier zum Beispiel international-renommierte Artist*innen ans Werk lässt, ob man regionalen Künstler*innen den Vorrang gibt, oder ob man vielleicht die Anrainer oder sogar die ganze Stadt über die Motive abstimmen lässt. Der Prozess der Konsensfindung diesbezüglich wäre ein ganz anderes Kapitel gewesen. Mir war vor allem wichtig, dass die Wände nicht grau bleiben.

2018: Scheitern an einer Männer-Freundschaft

All der Enthusiasmus, der dem Projekt entgegengebracht wurde, war schön und gut. Doch das letzte Wort über das Schicksal der Wände würde der Eigentümer treffen. Wie ich schnell herausfand, handelt es sich dabei um eine Krankenhausgesellschaft, die sich im öffentlichen Besitz befindet.

Bei einer internen Diskussion würde die Projektidee zum Großteil Zustimmung finden, doch es gäbe einen Abteilungsleiter, der schon allein beim Klang der Worte „Projekt“ und „Idee“ einen Frustrationsanfall bekäme

Mit einigem Rückenwind nahm ich also Kontakt zu besagter Gesellschaft auf. Zuerst zur Abteilung für Unternehmenskommunikation. Auch dort reagierte man ausgesprochen positiv auf die Projektidee. Die Mitarbeiter*innen erklärten sich bereit, mich bei der Realisierung zu unterstützen, soweit es ihnen möglich sei. Um bei meinem Ansuchen an den Vorstand der Krankenhausgesellschaft die besten Chancen für eine Bewilligung zu haben, wurden mir damals (teils unter vorgehaltener Hand) drei wichtige Informationen anvertraut:

1. Am Ende trifft der Vorstandsvorsitzende alleine die Entscheidung.

2. Bei einer internen Diskussion würde die Projektidee zum Großteil Zustimmung finden, doch es gäbe einen Abteilungsleiter, der schon allein beim Klang der Worte „Projekt“ und „Idee“ einen Frustrationsanfall bekäme und somit aller Voraussicht nach mit Ablehnung reagieren würde.

3. Besagter Abteilungsleiter sei ein Busenfreund des Vorstandsvorsitzenden und habe deswegen überproportionalen Einfluss auf dessen Entscheidung.

Kurz gesagt: der ganze Konsens in meinem Schlepptau wäre unter Umständen wertlos gegenüber der urösterreichischen Lustlosigkeit eines einzigen Abteilungsleiters. Ich wollte trotzdem mein Glück versuchen und schickte – in Abstimmung mit allen, die bereits von der Projektidee wussten – ein Ansuchen an den Vorstandsvorsitzenden. Darin erklärte ich die zahlreichen Vorteile einer künstlerischen Nutzung der Wände, sowie, dass für seine Gesellschaft keinerlei Kosten oder Aufwand entstehen würden, und dass man den Vorstand auch gerne bei der Motivauswahl mit einbinden würde.

Die Antwort war kurz und knapp: die grauen Betonwände seien „in dieser Form ein Teil des Gesamtauftrittes“ und „Funktionsflächen“ und somit nicht für eine Verwendung als Mural-Galerie vorgesehen, erklärte er in einer schriftlichen Absage.

Dieses Resultat war einigermaßen enttäuschend, wenn auch nicht unerwartet. Mit einer jahrzehntelangen Männerfreundschaft können Bürger*inneninitiative und objektive Argumente eben einfach nicht mithalten. Ich entschloss mich zu einer neuen Taktik, die mir nicht gerade im Blut liegt: Geduld.

Immerhin war der Vorstandsvorsitzende damals bereits über 70 Jahre alt und eine Pensionierung konnte nicht mehr allzu lange bevorstehen. Ich legte einen Google-Alert für seinen (eher seltenen) Nachnamen an, um automatisch benachrichtigt zu werden, sobald eine Pressemitteilung die Öffentlichkeit über seinen Rücktritt informiert. Danach könnte ich mein Glück bei seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin versuchen.

2022: Scheitern an der „Corporate-Identity“

Drei Jahre später – im Herbst 2021 – war es so weit. Mich erreichte nicht nur ein Google-Alert, sondern gleich dutzende, denn der Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden dürfte trotz seines stolzen Alters nicht ganz freiwillig gewesen sein. Er war mit viel öffentlichem Druck verbunden und erzeugte ein entsprechendes Medienecho. Die Angelobung eines neuen Vorstands stand bald bevor und ich dachte mir, die Möglichkeit einer Kooperation für ein urbanes Kunstprojekt könnte der Gesellschaft jetzt vielleicht ganz gelegen kommen, um ihr angeschlagenes Image aufzupolieren.

Ich nahm also wieder Kontakt zur Abteilung für Unternehmenskommunikation auf, die mich erneut mit strategischer Beratung für mein Ansuchen unterstützte. Mir wurde geraten, dem neuen Vorstandsvorsitzenden etwas Zeit zur Eingewöhnung in das Amt zu geben und ihn dann zum besten Zeitpunkt auf die Projektidee anzusprechen.

Die Wartezeit nutzte ich, um alte Synergien rund um das Projekt zu reaktivieren und es verschiedenen Funktionär*innen der neuen Stadtregierung vorzustellen, die durchwegs begeistert reagierten und ihre Unterstützung zusagten. Im Februar 2022 stellte ich dann mein neuerliches Ansuchen an den neuen Vorstand der Krankenhausgesellschaft, die Wände für eine Mural-Galerie freizugeben.

Die Absage kam wieder per E-Mail:

Absage Mural-Projekt

Dass viele Unternehmen ihre „Corporate Identity“ gerne weißwaschen würden, ist ja grundsätzlich nichts Neues. Bei einer Krankenhausgesellschaft lässt sich gewissermaßen sogar nachvollziehen, dass dieser Ärztekittel-Farbe eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Das Problem ist nur: die Wände sind nicht einmal weiß!

Die Frage, ob eine – öffentlich verwaltete! – Gesellschaft überhaupt eine „Corporate Identity“ benötigt, oder stattdessen lieber ein offenes Ohr für Bürgerinitiativen und öffentlichen Konsensus zeigen sollte, sei in den Raum gestellt.

Zugegeben, ich war zu diesem Zeitpunkt schon länger nicht mehr in der Hilmteichstraße und bat deswegen einen Freund, der in der Nähe wohnt, ein Foto von den Wänden zu machen, so wie sie jetzt – 4 Jahre nach ihrer Errichtung – immer noch aussehen und wahrscheinlich für alle Zeit aussehen werden:

Immer noch grau...
Die grauen Betonfassaden in der Grazer Hilmteichstraße am 24. Februar 2022

Grauer Beton, der keinen Lichtstrahl durchlässt. Offensichtlich ist das die „Corporate Identity“, die sich diese Krankenhausgesellschaft wünscht. Die Frage, ob eine – öffentlich verwaltete! – Gesellschaft überhaupt eine „Corporate Identity“ benötigt, oder stattdessen lieber ein offenes Ohr für Bürgerinitiativen und öffentlichen Konsensus zeigen sollte, sei in den Raum gestellt.

Eine Lektion aus der Geschichte ist: gegenüber österreichischer Freunderlwirtschaft und einer tiefen Liebe zum Beton seitens der öffentlichen Hand sind gute Ideen, auch wenn sie Zuspruch finden, im steirischen Jargon ausgedrückt ein ‚Lärcherlschaß‘.

Ich lebe zwar schon seit einer Weile nicht mehr in Graz, doch diese Stadt liegt mir nach wie vor am Herzen, und es schmerzt schon ein bisschen feststellen zu müssen: Graz bleibt grau.

Ein Kommentar

  1. Pingback:GREY, GREY WALLS OF GRAZ • About the failed mural-project

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